Naturschutzgebiet Sauerwiesen-Fuchsloch
Eine alte Weisheit im Naturschutz lautet: man schützt nur das, was man kennt. So sind in den letzten Jahrzehnten biologisch wertvollste Flächen für immer und meist ohne eine bestimmte Absicht verloren gegangen, weil niemand ihren Wert erkannte. Nicht so bei den "Sauerwiesen" in Altwiesloch: seit den 70er Jahren hat man daran gedacht, hier ein Schutzgebiet auszuweisen, seit 1996 ist es soweit. Es ist sogar größer als geplant ausgefallen, weil sich im Flurbereinigungsverfahren von 1965 bis 1992 neue Möglichkeiten ergaben. In den letzten Jahren wurde umgedacht: ökologische Gesichtspunkte kamen neben den ökonomischen auf die Tagesordnungen der Verhandlungen. Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Nun sind weitere über 60 Hektar der Gemarkung unter Naturschutz, und sie ergänzen die anderen Flächen wie Dämmelwald, "Landschaft am Angelbach" und "Frauweiler Wiesen" ganz ausgezeichnet.
Vorbei am großen Schilfgebiet (und einigen Überresten von Gärten) erreicht man die Böschung des Querweges.
Von oben hat man die beste Sicht auf das gesamte Gelände und erkennt seine größte Schwäche. Wie eine Insel zwischen den Feldern, den Industrie- und Wohngebieten und getrennt durch die Straße liegt das Naturschutzgebiet ohne Kontakt zu anderen naturnahen Flächen. Da viele Tiere und Pflanzen größere Entfernungen nicht überwinden können, entstehen dadurch genetisch verarmte Inzuchtpopulationen oder so kleine Fortpflanzunggemeinschaften, daß sie sich nicht mehr erhalten können und hier aussterben. Die Programme der sog. "Biotopvernetzung", die den Gemeinden in den letzten Jahren zur Pflicht gemacht wurden, sollen dem abhelfen.
Die Stärke des Gebietes, seine guten Eigenschaften, sieht man aber auch von hier: eine außerordentlich vielgestaltige, abwechslungsreiche und kleinflächig gewachsene und erhaltene Kulturlandschaft, wie sie noch vor 40 Jahren überall im Kraichgau angetroffen werden konnte. Wiesen, Felder, Hecken, Gräben, Trockenrasen, Gärten, Bachlauf und Bachufer, Auenwald und Lößböschungen, Schilfröhricht und Kleinseggenried- alles auf ein paar Hektar.
Hat man den niedrigsten Punkt am Bach erreicht, geht es durch den Auenwald zurück zum Ausgangspunkt.
Das schafft man alles in einer Stunde, aber dabei erschließen sich einem der Wert und die Schönheiten der "Sauerwiesen" nicht. Der alte Name bedeutet eigentlich nichts Gutes. Die Täler wurden früher fast alle durch Wiesen genutzt, aber "saure Wiesen" waren von minderer bis schlechter Qualität. Auf nassen Böden, durch Überschwemmungen bedroht, gedeihen die gewöhnlichen "Süßgräser" zur Herstellung von Heu (oder als Weide) nicht oder nur schlecht. Besser geht es mit verschiedenen Seggen und Binsen, den Riedgräsern oder "Sauergräsern", die dann eher ein Ried(=Moor) bildeten als eine Wiese. Einmal im Herbst gründlich gemäht, dienten sie meist allein der Einstreu in den Ställen in der Winterszeit an Stelle von Stroh. "Streuwiesen" werden sie manchmal noch heute genannt. Durch Bodenverbesserung, z.B. mit Drainagen und Düngung, hat man sie in späteren Zeiten doch noch in richtige Wiesen, in Fettwiesen, umgewandelt. Im Frühjahr blühen sie kräftig gelb, wenn der Scharfe Hahnenfuß das Bild bestimmt. Die hohe Bodenfeuchtigkeit zeigen die hellroten Kuckuckslichtnelken noch immer an.
Wo es schon immer zu naß für die Nutzung war, hat sich ein Schilfröhricht bis heute gehalten. Mit den angrenzenden Seggenrieden wurden daraus 2 Hektar, ideal für eine Reihe typischer Arten aus Feuchtgebieten. Aus den angrenzenden, den Bach begleitenden Gehölzen hört man hier den andere Vögel nachahmenden Gesang des Gelbspötters, das Schmettern und Schluchzen der Nachtigall, aus dem Schilf selbst die ebenfalls spottenden Sumpfrohrsänger und Teichrohrsänger. Letzter ist ein häufiger Wirt für den Kuckuck, der ebenfalls hier vorkommt. Wenn diese großen Vögel aus den Winterquartieren zurück sind, finden sie hier ein vortreffliches Revier. Das Kuckucksmännchen sitzt oft gut sichtbar seltsam quer auf einem Ast oder Pfahl, ruft und fliegt auffällig umher. Sein Flugbild ähnelt dem des Sperbers und bringt Kleinvögel in höchste Beunruhigung. Sie verlassen ihre möglicherweise schon fertigen Gelege und werden dabei von den gut getarnten Kuckucksweibchen beobachtet. Schnell wird dem Nest des Rohrsängers ein Ei entnommen, gefressen und blitzschnell ein eigenes, oft dem Wirtsvogel zum Verwechseln ähnliches, hineingelegt. Klappt der "Betrug", dann wird der junge Kuckuck meist zuerst schlüpfen, danach, während er selbst noch nackt ist, seine "Geschwistereier" oder die Jungen aus dem Nest werfen. Vor dem Flüggewerden ist er dann so groß, daß seine ihn fütternden Eltern manchmal auf dem Kopf landen müssen, weil sonst der Platz fehlt. Auch das komplizierte, an 3 bis 4 Schilfhalmen befestigte, kreisrunde Nest geht dabei zu Bruch und ist ein guter Hinweis darauf, wer hier erbrütet wurde.
Aus den Weiden und Pappeln hört man ab Mitte Mai bis in den Sommer den wohlklingenden Gesang des Pirols, den man praktisch trotz seiner quittegelben Färbung kaum zu Gesicht bekommt. Das flötende "düdelio" steckt in seinem lautmalerischen Namen. Der Volksmund machte daraus den "Vogel Bülow" oder den "Pfingstvogel". Der bekannte Zeichner Kurt von Bülow nahm als Künstlernamen die ebenfalls lautmalerische französische Form "Loriot".
An die 50 Vögel wird man im Laufe eines Jahres in den "Sauerwiesen" beobachten können, aber nicht nur diese.
Über 250 Pflanzenarten, Hunderte von Insekten und andere mehr leben hier. Auffallend ist das geringe Vorkommen von Amphibien, obwohl die Bedingungen eigentlich gut sind. Vielleicht läßt sich das in den nächsten Jahren verbessern. Mit der von der Stadt gesicherten Tümpelanlage ist ein Anfang gemacht worden.
Aufmerksame Besucher werden Erdkröten, Zauneidechsen und gelegentlich auch einmal eine Blindschleiche sehen. Der Fuchs ist hier regelmäßiger Besucher. Er wohnt wohl über der Straße im trockeneren Teil des Schutzgebietes, das von Dachsbauten durchzogen ist, in die auch der Fuchs gern einfährt, weil er sich einen Haufen Arbeit sparen kann. Der Name des Gewanns "Fuchsloch" ist sicher nicht zufällig.
Die Pflanzenwelt enthält eine Menge Vertreter aus der Gruppe "Unkräuter", die durch die Gärten und den hohen Düngereintrag, der aus den Feldern ausgewaschen wurde, überall an den Wegrändern stehen. Zaungiersch, Brennessel, Fuchsschwanz, Zaunrübe, Pfeilkresse, verschiedene Disteln, Hohlzahn, Knopfkraut, Kanadisches Berufskraut und Einjähriges Bingelkraut seien als Beispiele hier stellvertretend für viele andere genannt. Leider ist auch eine der in den letzten Jahren negativ auffällig gewordenen Neophyten -eingeschleppte Neulinge in unserer Flora- im Gebiet. Seit mehreren Jahren versuchen Mitarbeiter des Naturschutzes den Japanischen Knöterich an seiner Ausbreitung zu hindern oder ihn ganz zu vernichten. So allmählich zeichnet sich ein Erfolg ab. Andere gebietsfremde Arten, z.B. Robinien, Goldruten, Tujas, verschiedene Beersträucher und das Landreitgras sind aber keine Bedrohung. Auch ein Fremdling, die Weiße Maulbeere, ist eher eine Bereicherung. Auf der Böschung des Querweges über dem Schilfgebiet steht ein kleiner Baum mit auffallend hellen Blättern. Früher hat man in vielen Orten in den Gärten und Parkanlagen diesen Strauch oder kleinen Baum angepflanzt, um sein Laub als Futter für die Raupen des Seidenspinners zu gewinnen, deren Seide aus den Kokons für Fallschirme gebraucht wurde.
Typischer für die "Sauerwiesen" sind Gewächse, die viel Wasser brauchen oder vertragen. Im Hochsommer blüht an den Gräben das stark duftende Mädesüß, verwandt mit dem Spierstrauch aus dem Garten. Unsere Vorfahren hatten für alles Verwendung. Mit dieser Pflanze wurde das Bier (Met) gesüßt, was den Namen erklärt. Die duftenden Blütenstände fand man in Sträußen, aber auch Gelees und Getränke ließen sich damit aromatisieren. An gleicher Stelle steht oft der Blutweiderich daneben, eine alte, heute nicht mehr verwendete Heilpflanze. Nach der mittelalterlichen Signaturenlehre zeigte das Aussehen einer Pflanze an, wozu sie zu gebrauchen sei. Deshalb benutzte man den Blutweiderich zur Blutstillung.
Die Hänge auf der gegenüberliegenden Straßenseite sind viel trockener und wärmer, praktisch das genaue Gegenteil zum Tal. Hier finden sich Reste alter Streuobstwiesen, schöne Hecken als Abgrenzungen und kleinflächige Trockenrasen. Die Terrassen, die den Hang teilweise gliedern, weisen darauf hin, daß es sich um ehemalige Weinberge handelt. Sie werden in den nächsten Jahren die meiste Pflegearbeit erfordern, da sie sehr wertvolle Standorte für viele wärmeliebende Pflanzen und Insekten bilden, aber bei ausbleibender Pflege auch sehr schnell mit Schlehen und Robinien verbuschen. Der Weinbergslauch, ein Unkraut der heißen Rebflächen, steht hier und auch die (wie alle Astern) erst im Herbst blühende Bergaster. Bunte Kronwicke und Karthäusernelke vervollkommnen das Inventar eines Trespen-Trockenrasens. Als auffallendes Gras bestimmt die Aufrechte Trespe auf dem Südhang das Bild des Rasens, so wie es wohl einst das Pfeifengras in den Talwiesen tat. Unsere Großväter haben sich damit tatsächlich die langen, bis zum Bauch reichenden Mundstücke ihrer Pfeifen gereinigt.
Wo Blumen sind, da sind auch Insekten. Die "Sauerwiesen" beherbergen keine "Sensationen", sondern der Vielfalt der kleinen und größeren Lebensräume entspricht die Vielfalt der hier lebenden Arten. Den genauen Blick und etwas Geduld muß man aber mitbringen. Das Grüne Heupferd findet man am einfachsten, indem man die singenden Männchen sucht. Roesels Beißschrecke, zu Ehren des großen Zoologen und Kupferstechers Rösel von Rosenhof(1705-1759) so benannt, gehört zu den "Grashüpfern" und ist besonders schön. Auf Blättern, gern Brombeerblättern, sonnt sich die Strauchschrecke, die sich ganz aus der Nähe betrachten läßt, wenn man sich nur vorsichtig genug nähert.
In altem Holz in dürren, aber noch festen Stämmen und Ästen von Obstbäumen, in Zaunpfählen, vielleicht auch einmal in einer der alten Kopfweiden, findet man die Nistplätze der größten europäischen Wildbiene. Die Violette Holzbiene bohrt ein Loch hinein, dann gräbt sie einen bis 30cm tiefen Gang nach unten. Vom Boden aus beginnend, trägt sie ein Gemisch aus Nektar und Pollen verschiedenster Pflanzen ein, macht einen Klumpen daraus und legt ein Ei darauf. Dann trennt sie durch Einbau einer Wand aus den Spänen des ausgebissenen Holzes und Speichel eine Zelle ab und beginnt mit der nächsten, bis der Gang voll ist und verschlossen werden kann. Dies geschieht im späten Frühjahr bis in den Sommer hinein. Im frühen Herbst erscheinen die neuen Tiere, überwintern und verpaaren sich im nächsten Frühjahr. Diesen wundervollen Insekten kommt sicher die Wärme des Tales und die Nähe menschlicher Siedlungen zugute, wo sie an Gartenblumen zusätzliche Nahrung finden. Dort erscheinen sie häufig im Frühjahr an den Blüten der Glycinien.
Geht man regelmäßig bestimmte Wege, wird man im Laufe des Jahres viele neue Dinge kennen lernen. Man schützt nur, was man kennt!
Im März singt schon leise die unauffällige Heckenbraunelle, im Winter ist manchmal ein Eisvogel am Bach, um zu fischen. Im April blüht in kräftigem Gelb die Sumpfdotterblume, im Oktober -scheinbar zeitlos- die violette Herbstzeitlose.
In den Naturwissenschaften ist es üblich, den Wert eines Dinges zu messen oder in Geld umzurechnen. In der Welt der Lebewesen, der Biologie, auch einer Naturwissenschaft, kommt die Erfahrung dazu, auch das Erlebnis, und da versagen diese Maßstäbe manchmal: hoffentlich.
Text und Photos: Jürgen Alberti